Garantiert keine Kulleraugen
„Erwachsene Mangas“: Von wegen nur Kinderkram!

Bei Mangas geht es um riesige Augen, seltsame Tentakelwesen und pseudophilosophisches Gelaber? Zugegeben, das kann ab und zu mal vorkommen. Aber genau wie in der amerikanischen Comicszene setzt sich der japanische Markt aus mehreren Genres für unterschiedliche Zielgruppen zusammen.


Obwohl im deutschen Manga-Angebot eher leicht verdauliche Kost geboten wird, haben dennoch ein paar Serien ihren Weg in die Auslage gefunden, die einem realistischeren Plot folgen und gekonnt unterhalten können. Das in Japan „Seinen“ genannte Gerne richtet sich speziell an Männer im Alter von 18-40 Jahren und hat ein paar Klassiker hervor gebracht, die es Jahre nach ihrer Veröffentlichung endlich auch nach Deutschland geschafft haben. Wer bisher skeptisch war, sollte in folgende Titeln zumindest einmal hineinschnuppern. Es gibt nämlich Hervorragendes zu entdecken!

Dragon Head

Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen entgleist während einer Routinefahrt und wird für alle außer drei Passagieren zum Grab. Dummerweise sorgt der Crash dafür, dass die beiden Tunnelausgänge verschüttet werden und so sitzen die Überlebenden erst einmal fest. Obwohl die drei Schüler gegen Dunkelheit und Paranoia ankämpfen kriecht ihnen langsam der Wahnsinn in den Kopf. Nach der Flucht aus dem verschütteten U-Bahn-Tunnel fängt der Terror allerdings erst richtig an. Weite Landstriche sind verlassen und in Nebel gehüllt, die einzigen noch anwesenden Lebewesen schleichen halb verborgen und apathisch durch die leeren Straßen – und keine Erklärung in Sicht. Für die Kinder steht fest, dass sie nach Tokyo reisen müssen, um ihre Familien zu suchen.  Doch irgendetwas will dies verhindern…

„Dragon Head“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Horror durch das menschliche Wesen entsteht und sich das große Mysterium auf ganz natürlichem Weg lösen lässt.

Monster

Als Naoki Urasawa 1994 mit „Monster“ anfing wurde die Serie über Nacht zum Hit. Kein Wunder, überrascht der Plot durch ungewohnte Tiefe und realistische Figuren. Auch die Fragestellung, ob gute Entscheidungen auch noch nach ein paar Monaten die richtigen sind, wird vom Autor sehr gut transportiert. Dabei hat der Arzt Kenzo Tenma eigentlich nur das Leben eines Jungen gerettet, der bei einem Überfall angeschossen wurde. Zeitgleich werden in der Klinik drei Ärzte vergiftet und so rückt Tenmas Position zum Leiter der Klinik immer näher. Dies erweckt natürlich die Aufmerksamkeit des zuständigen Polizeibüros, doch lässt sich dem Arzt nichts nachweisen.

Und der Junge? Der ist verschwunden. Nach einigen Jahren der Ruhe wird plötzlich ein verstörter Patient in die Klinik eingeliefert, der völlig hysterisch von einem Monster erzählt, das Tenma schon kurz danach selbst kennen lernt. Anscheinend hat sich Johann, der Junge, dem Tenma das Leben gerettet hat, prächtig entwickelt. Zu dumm, dass es sich dabei um einen eiskalten Killer handelt, der seinem Retter seine Taten in die Schuhe schiebt. Da sich der Arzt verantwortlich fühlt, macht er es sich zur Aufgabe, Johann zu jagen, um ihn letztendlich zu stoppen…

20th Century Boys

Und noch ein Werk von Naoki Urasawa, das sich auch wieder mit Dingen aus der Vergangenheit befasst, allerdings eine vollkommen andere Richtung einschlägt: In ihrer unbeschwerten Kindheit haben sich Kenji und seine Freunde eine kleine Basis aufgebaut, in der sie ihre Freizeit mit Musik und Mangas verbringen. Außerdem haben sie sich überlegt, welche Art Geschichte sie gerne einmal selbst schreiben würden und diese im dramatisch betitelten Buch der Prophezeiung aufgeschrieben. Jahre später treffen sich Kenji und ein paar seiner ehemaligen Klassenkameraden auf einer Beerdigung wieder. Einer seiner Jugendfreunde ist gestorben und der Tathergang kommt allen Beteiligten seltsam bekannt vor.

Wie sich heraus stellt hat sich jemand das uralte Buch der Prophezeiungen ein wenig zu sehr zu Herzen genommen und lässt nun der Reihe nach das passieren, was sich die Jugendbande ausgedacht hat. Im Grunde genommen kein Problem, wenn nicht alles auf einen unangefochtenen Herrscher der Erde und die Ausrottung der halben Menschheit hinaus laufen würde. Und dann wäre da noch diese neue Sekte, deren Führer nie sein Gesicht zeigt, Löffel verbiegen und fliegen kann…

Zeitweise ein arg abgedreht, aber immer spannend. „20th Century Boys“ baut ein spannendes Mysterium um einen Tag in der Vergangenheit auf, an dem irgendetwas schief gegangen ist. Dabei ist Kenjis Detektivarbeit aber nie übernatürlich, sondern spielt einfach durch, was passiert wenn ein Haufen Menschen meint, die Erleuchtung gefunden zu haben und nichts mehr in Frage stellt.

Lone Wolf & Cub

Dieser Titel sollte Fans von asiatischen Filmen bereits ein Begriff sein: In den 70ern wurden die ersten sechs Bände unter dem Titel „Okami“ verfilmt und auch in Deutschland ausgestrahlt. Die Geschichte um den herrenlosen Samurai, der einen Kinderwagen mit seinem Sohn darin hinter sich her zieht, hat seinen Kultstatus zu Recht. Anfangs steht noch jeder Band als Geschichte für sich, doch langsam lernt man Ogami Itto und seine Vergangenheit näher kennen und erkennt, dass sich einige Dinge kontinuierlich durch sein Leben ziehen. Als ehemaliges, entehrtes Mitglied des Yagyu Clans beherrscht Itto sein Schwert meisterhaft und zieht als mietbarer Assassine durch das feudale Japan, um sich an seinem ehemaligen Clan für seinen Rauswurf und den Mord an seines Hofstaats zu rächen – nicht ganz ohne Schwierigkeiten.

Die Geschichte von „Lone Wolf & Cub“ wirft mit einer unglaublich hohen Anzahl von Begriffen aus der entsprechenden Zeit um sich, die zeigen, dass Autor Kazuo Koike ein Spezialist für die Epoche der Samurai ist. Einerseits verleiht es dem Rachefeldzug Ittos einen historischen Hintergrund, andererseits gibt es für Leser außerhalb Japans anfangs einen ziemlichen Kulturschock. Glücklicherweise findet am Ende jedes Bandes ein kleines Nachschlagewerk, um die politischen Zusammenhänge zu verstehen.

Berserk

Ein in einer düsteren, mittelalterlichen Welt angesiedelter Tarantino-Vertreter. Besser kann man „Berserk“ nicht beschreiben, denn hier wechseln sich eine gute Geschichte und derber Splatter angenehm untereinander ab.

Der Waisenjunge Guts wird unter einem Baum voll mit Erhängten gefunden und in einer Söldnergruppe groß gezogen. Er kennt nichts anderes als den Krieg, der im Fall von „Berserk“ brutaler als in anderen in Deutschland veröffentlichten Mangas dargestellt wird. Bis zu dem Tag an dem Guts auf Griffith, den Anführer der Falken, kennen lernt. Dieser überzeugt den Kämpfer, seiner Gruppe beizutreten, um im Ansehen des Königs zu steigen. Zwar muss Guts weiter seinen Kopf an der Frontlinie hinhalten, doch zum ersten Mal findet er so etwas wie Freunde und eine Familie. Da es sich bei Griffith um einen genialen Taktiker handelt bleibt der Erfolg nicht aus und schon bald wird auch der Adel auf die Falken aufmerksam. Dies kommt vor allem Griffith zu Gute, der trotz seines freundlichen Auftretens einen Plan verfolgt, der weit über das hinaus geht, was selbst seine engsten Vertrauten ahnen. Pakte mit Dämonen sind dabei nur Nebensache…

„Berserk“ zeigt das komplexe, psychologische Profil von zwei Einzelkämpfern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch zusammen gehören. Seelische Abgründe, wirklich ekelhafte Monster und unglaublich brutale Kampfszenen ergänzen sich zu einem fesselnden Epos, dessen erster grausamer Höhepunkt mit einer Konsequenz durchgezogen wird, dass es einem eiskalt den Rücken runter läuft. Dranbleiben, auch wenn die Geschichte erst im zweiten Sammelband richtig in Schwung kommt!

Eden

Die Welt ist im Eimer. Und zwar so richtig. Politische Wirren sorgen dafür, dass es bei Kriegen keine Ruhepause mehr gibt, ethnische Reinigungen stehen an der Tagesordnung, die UNO existiert nicht mehr und zu allem Überfluss lässt eine Krankheit die Haut der Menschen versteinern. Inmitten dieses Chaos versucht der Junge Elijah, seinen Platz zu finden. Er und sein Roboter Cherubim ziehen durch weite Landstriche, weil sie nicht mehr in ihrer Heimat bleiben konnten.

Nachdem Elijah von einer Gruppe Guerillas vor dem Tod durch ein paar Gesetzlose gerettet wurde, schließt er sich diesen an, um irgendwo wieder ein bisschen Frieden zu finden. „Eden“ steuert dabei nicht direkt auf keinen großen Höhepunkt zu oder stellt Elijah einen Wiedersacher in den Weg. Es geht um einen Jungen der versucht, in einem Krieg zu überleben, all den Terror, den er mit ansehen muss und Leute, die er kennen lernt und meistens schnell wieder verliert. Hiroki Endo beherrscht es dabei sehr gut, das Gleichgewicht zwischen Aufgabe und Hoffnung so zu konstruieren, dass die Gewalt den Leser wirklich trifft und zeigt, wie kompromisslos ein Krieg ist. Besonders der Prolog weiß durch seine melancholische Stimmung zu überzeugen.

Blame!

In einer Welt ohne Struktur oder Regeln wandert der Krieger Killy alleine durch die unlogischen Bauten der sogenannten Megastruktur, um Menschen mit Netzwerkgenen zu finden. Warum? Gute Frage. „Blame!“ funktioniert deshalb hervorragend, weil alle Figuren außerordentlich schweigsam sind, Tsunomu Niheis Stil aber über alle Zweifel erhaben ist.

Nicht klassisch schön, dennoch unglaublich aussagekräftig präsentiert der Zeichner sehr dynamische Kämpfe und eine mysteriöse Welt, deren Geschichte sich der Leser selbst erarbeiten muss. Was hier nach Arbeit klingt ist allerdings das, was „Blame!“ so besonders macht. Ein Science Fiction-Manga, dessen Lektüre fast schon eine Erfahrung ist und Zeichnungen, die dem Auge vorspielen, tatsächlich in Bewegung zu sein.

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